Schulung für Instrumentallehrer

Musik und Mensch sind zutiefst verwandt. Daher ist die Arbeit, die man zu vollbringen hat, wenn man dem Wesen der Musik nahe kommen will, der Arbeit der Selbsterkenntnis und Selbsterziehung des Menschen sehr nahe. Anders gesagt: Das Erlernen eines Musikinstrumentes ist – wenn das Musikalische und nicht die Technik im Vordergrund steht – dem Schulungsweg sehr ähnlich. Es ist wie eine künstlerische Vorstufe wesentlicher Elemente des Schulungsweges und des geistigen Erlebens und Tätigseins:

„Ja, das alles, was die Seele also durchmacht, indem sie sich der Initiation nähert, wird auf dem Pfade der Initiation bewusst durchgemacht, bewusst durchlebt. […] Aber der Mensch vermag lange, lange bevor er sich bewusst hineinfindet in all das, was ich Ihnen geschildert habe als die Etappen des Initiationspfades, auszusprechen mit seinen Mitteln dieses Erleben, […] und das geschieht durch die Musik. Letzten Endes, im Wesentlichen, ist wahre Musik in Tönen verlaufendes Dasein, in Tönen verlaufendes Daseinsgeschehen, welches ein äußeres Bild desjenigen ist, was bewusst die Seele durchlebt im Initiationsleben.“
Rudolf Steiner in „Kunst im Lichte der Mysterienweisheit“ GA 275, S.62/63

Wir vollziehen im musikalischen Erleben dieselben Empfindungsbewegungen wie der Eingeweihte im geistigen Wahrnehmen. Als Musiker kann man daher eine ungemeine Vertiefung des eigenen Zuganges zur Musik durch den Schulungsweg erfahren. Das Erleben wird auf eine neue Stufe gehoben. Für das Unterrichten wird dies dann unter anderem fruchtbar durch ganz neue Übungsansätze, eine vertiefte Menschenkenntnis, stärkeres Einfühlungsvermögen, differenziertere Ausdruckskraft. Zugleich wird, wenn man sowohl den Weg zur Musik als auch den Weg zum Menschen (d.h. den Schulungsweg) geht, Schritt für Schritt deutlich, dass das Erlernen eines Musikinstrumentes ein unschätzbares Werkzeug sein kann, um mit tief im Menschen veranlagten Gestaltungsprinzipien vertraut zu werden. Daraus erwachsen neue Kräfte, die für das ganze Leben stärkend sein können.

Am Musikalischen lässt sich der Weg ablesen, den man beim Unterrichten zu gehen hat, ebenso, wie sich auf dem Schulungsweg die Methode aus dem Erfassen des Menschen ergibt. Vieles, was der Musiker aus seiner Tätigkeit schon kennt, findet sich im Schulungsweg wieder. Wir wollen versuchen, einige dieser Verwandtschaften aufzudecken, sodass nicht nur eine Vertiefung der Musik durch den Schulungsweg, sondern auch eine Befruchtung der Schulung durch die Musik möglich wird. Denn eigentlich ist alles spirituelle Erkennen zugleich ein im musikalischen Element lebendes Erkennen.

„In der Tat, wir dürfen es glauben, dass niemand, ohne dass sein eigenes Wesen tief innerlich umgewandelt wird, an die Geistes­wissenschaft wirklich herankommt.“
Rudolf Steiner in „Kunst im Lichte der Mysterienweisheit“ GA 275, S. 69/70